Rezension: Star Wars: Andor

star wars andor
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Mit Star Wars: Andor erschien im vergangenen Herbst bei Disney Plus die mittlerweile vierte Serie im Star-Wars-Universum nach The Mandalorian, Obi-Wan Kenobi und Das Buch von Boba Fett. Andor, das auch als Vorgeschichte zum 2016er Kinofilm Star Wars: Rogue One fungiert, unterscheidet sich von anderen Filmen und Serien des Science-Fiction-Universums ungewöhnlich deutlich. Von den Machtkämpfen zwischen Jedi und Sith, die in den „großen“ Kinofilmen seit jeher im Mittelpunkt stehen, ist in der neuen Serie nichts zu sehen. Auf ein Wiedersehen mit bekannten Helden müssen die Zuschauer größtenteils verzichten. Lediglich mit dem an sich schon ungewöhnlichen Spin-off-Film Rogue One teilt sich Andor einige Figuren.

Doch gerade auf diesen vermeintlichen Defiziten baut die Qualität der Serie auf. Nachdem die Miniserie um den titelgebenden Obi-Wan Kenobi darunter litt, vermeintlich bedeutsam sein zu müssen und Kennern der Reihe möglichst viele Anknüpfungspunkte zu bieten, ist die große Stärke von Andor die kreative Freiheit, die sich aus der Distanz zu den Schicksalen der vertrauteren Star-Wars-Helden ergibt. Die Serie zeigt den Zuschauern eine Seite des Universums, wie man sie bisher fast nur aus einigen Romanen kannte.

Spannendes Figurenensemble

Die Serie hat von der Presse fast ausnahmslos positive Kritiken erhalten. Bei mir dauerte es in etwa bis zur Hälfte, bis die Geschichte mich wirklich begeisterte. Mit dem Ende der sechsten Episode endet auch der erste große Handlungsbogen, der zwar gut gemacht war, mir allerdings zu wenig Komplexität bot, um eine ganze Serie zu rechtfertigen. Ich hatte das Gefühl, dass man das bis dahin Gezeigte ebenso gut im Rahmen eines Films hätte umsetzen können. Das änderte sich mit Folge 7 und den nachfolgenden Episoden, in denen die Serie immer selbstbewusster wird und vor den Zuschauern ein breites Panorama des Star-Wars-Universums entfaltet.

Dabei steht der titelgebende (und bereits aus Rogue One bekannte) Cassian Andor gar nicht so sehr im Vordergrund, wie es der Titel der Serie vermuten lässt. Er ist ohnehin kein schillernder Held, aber gerade deshalb so viel nahbarer als die von strikten Prinzipien geleiteten Hauptfiguren von The Mandalorian und Obi-Wan Kenobi. Diego Luna versteht es exzellent, Cassian als eine Figur zwischen Unsicherheit, Verzweiflung und Eigennutz zu spielen, aber auch als Prototyp eines Freiheitskämpfers, der zu einer gewissen Rücksichtslosigkeit ebenso fähig ist wie zu mutigen, selbstlosen Heldentaten.

Doch wie angedeutet, ist Cassian zwar der Mittelpunkt des Geschehens, aber keinesfalls die einzige Figur von Bedeutung. Auch darin unterscheidet sich Andor von allen anderen Star-Wars-Serien, die bei Disney Plus seit 2016 erschienen sind. Hier wird den Zuschauern ein ganzes Ensemble von Hauptfiguren präsentiert, das die Welt lebendig und vielschichtig erscheinen lässt.

So macht uns die Serie aufseiten der Rebellen nicht nur mit einfachen Leuten wie Cassian bekannt, sondern auch mit Widerständlern in den höchsten Kreisen des Hauptstadt-Planeten Coruscant, die nicht mitansehen wollen, wie das Imperium die galaktische Demokratie begräbt. Da wäre zum einen der Antiquitätenhändler Luthen, gespielt von Stellan Skarsgård, dem sein Geschäft als Fassade dient, um regierungsfeindliche Operationen zu planen und zu finanzieren. Dabei arbeitet er auch mit der einzigen Figur zusammen, die bereits aus der alten Trilogie bekannt ist, Senatorin Mon Mothma, die wie schon in Rogue One von Genevieve O’Reilly verkörpert wird. Den Handlungsstrang rund um ihren politischen Überlebenskampf empfand ich zwar als am wenigsten packend, trotzdem trägt auch er sehr positiv zum komplexen Gesamtbild bei.

Der besondere Reiz der Serie geht aber auch von den Figuren der Gegenseite aus. Dedra Meero (Denise Gough) und Syril Karn (Kyle Soller) sind Beamte im imperialen Sicherheitsapparat. Während Syril den Eindruck vermittelt, kein schlechter Mensch zu sein und es wohl eher persönlichen Unsicherheiten und ein übertriebenes Ordnungsbewusstsein sind, die ihn Beihilfe zur Unterdrückung durch das Imperium leisten lassen, erscheint Dedra Meero als durch und durch unbarmherzige Vollstreckerin. Doch selbst ihre Bemühungen lassen den Zuschauer mitfiebern und mitfühlen, wenn sie sich gegen gleichermaßen unmenschliche, aber weniger kompetente Kollegen behaupten muss.

Andor – ein Fazit

Disney ist mit Star Wars: Andor ein echter Geniestreich gelungen. Nach dem bewusst wilden (und auf seine eigene Art mutigen) Buch von Boba Fett oder den Höhen und Tiefen der eher episodenhaften Mandalorian-Serie wirkt Andor wie aus einem Guss. Das Ergebnis ist ein atmosphärischer dichter, spannender Spionagethriller wie ihn die Star-Wars-Franchise noch nicht gesehen hat, mit überraschend deutlichen Bezügen zur Realität.

Mit dieser mutigen Herangehensweise bewahrt die Serie Star Wars nicht nur davor, auf der Stelle zu treten und in Nostalgie zu versinken, sondern birgt auch das Potential, Zuschauern zu begeistern, die mit Star Wars sonst wenig anfangen können. Hier erwarten das Publikum keine Jedi-Ritter und fast keine Aliens, und statt mit übermenschlich starken Sith müssen es die Helden mit grauen, aber deshalb nicht weniger machthungrigen und menschenverachtenden Bürokraten aufnehmen.

Doch auch Star-Wars-Fans dürfen sich freuen – über die ungewohnte Ernsthaftigkeit der Serie, die über reine Unterhaltung weit hinaus geht und tatsächlich etwas zu sagen hat. So erzählt der Spionagethriller nicht einfach nur eine weitere Geschichte in der Welt von Star Wars, sondern verleiht dem bekannten Universum mehr Gewicht und zusätzliche Tiefe. Und bei allem Spaß, der in anderen Filmen und Serien, auch vollkommen zu Recht, im Vordergrund steht – ist es nicht das, was gerade Fans sich am sehnlichsten wünschen: dass die Welt, die sie so sehr fasziniert, ernst genommen wird?

Eine zweite (und finale) Staffel mit abermals 12 Folgen ist bereits angekündigt und wird derzeit in Großbritannien gedreht. Bis zur Veröffentlichung wird es voraussichtlich aber noch bis 2024 dauern. In der Zwischenzeit dürfen Star-Wars-Fans sich auf die dritte Staffel von The Mandalorian freuen, die im kommenden Frühjahr starten soll.

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